Originaltext des Artikels in den Lübecker Nachrichten am 5.6.2010

Die Kräuterfee und ihre wilde Kost

Was für den einen Unkraut ist, schätzt der andere als Wildkräuter:
Martina Sauer aus Rethwisch bereitet mit Blättern und Blüten aus Garten und Wiese köstliche Speisen.

Wenn der Prosecco zur Begrüßung die fruchtig-süße Note von Holunderblüten-Sirup trägt, das Vorspeisen-Süppchen seinen spinatartigen Geschmack nicht vom gleichnamigen Gemüse verliehen bekommt, sondern von – nicht erschrecken! – Brennnesseln, und wenn das gefüllte Schnitzel des Hauptgangs seinen hohen Proteinanteil nicht aus tierischen Muskeln bezieht, sondern aus den großen Blättern des Beinwell – dann durfte der Gast wahrscheinlich am Tisch von Familie Sauer Platz nehmen. Martina Sauer hat sich in Jahrzehnten so viel Wissen über wilde Kost angeeignet, dass sie in interessierten Kreisen als Wildkräuter-Expertin gilt.

„Ich bin aber weder Apothekerin, noch habe ich irgendein Diplom erworben“, betont die in einem Oldesloer Kindergarten tätige Erzieherin. Aber immerhin hat ihr den „Titel“ der Förderverein des Öko-Instituts Trenthorst „verliehen“.



Martina Sauer verarbeitet Wildkräuter zu Salaten und gekochten Speisen. Sogar Blätter des Lindenbaums sind essbar: Foto: Brigitte Judex-Wenzel

Dort gibt die Mutter zweier erwachsener Töchter am heutigen Sonnabend gemeinsam mit Biologin Christiane Schwarze sogar ein dreistündiges Wildkräuter-Seminar mit Pflanzen sammeln, zubereiten und essen. Wer jetzt auf den Geschmack kommt, kann sich der Gruppe, die um 10 Uhr am Herrenhaus loszieht, noch anschließen.

Martina Sauer lernte den Geschmack von Pflanzen, die ohne das Zutun von Menschen auf Wiesen, an Wegesrändern und auch auf dem Rasen im Garten wachsen, schon im Elternhaus kennen. Als sie mit 20 Jahren aus der Heide nach Schleswig-Holstein kam und mit ihrem Mann Joachim vor 27 Jahren in ein Haus mit Garten nach Rethwisch zog, wurde ihr Interesse am unverfälschten und von keinerlei Kunstdünger oder Pflanzenschutzmittel beeinflussten Geschmack immer größer. Im eigenen Biogarten, der als Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel nur Brennnesseljauche und Acker-Schachtelhalm-Brühe kennt, wächst alles, was das Herz, der Magen und auch so manch anderes Organ von Liebhabern naturbelassener Kost begehren: von Brennnessel, Löwenzahn und Gänseblümchen über Giersch, Vogelmiere und Beinwell bis hin zu Gundelrebe, Knoblauchrauke und Sauerampfer. Überall dürfen die wilden Kerle allerdings auch bei Martina Sauer nicht wuchern. „Ich habe Wildkräuter-Ecken, aber im Gemüsebeet haben sie nichts suchen.“



Einsteigern rät die 51-Jährige, den gewohnten Blattsalat zunächst um eine Handvoll Wildkräuter zu ergänzen: zwei, drei Blätter Löwenzahn, fünf, sechs Blätter Sauerampfer, oder, oder. Je nach Mischung sorgt das für Schärfe, Süße oder eine nussige Note. Oft stecken die Wildkräuter voller Proteine, Spurenelemente, Kieselsäure oder massig Vitamin C. Oft entschlacken sie, „putzen“ die Organe, haben geradezu medizinische Wirkung. Die nutzt Martin Sauer zwar für sich, würde dazu aber nie anderen etwas raten. „Es gibt heute gute Bücher“, sagt die Kräuterfee und ermuntert Menschen, die zwischen Erkundungsdrang und Berührungsängsten hin und her gerissen sind, einfach einmal mit dem anzufangen, was sie sicher (er)kennen. Das Portemonnaie und die Gaumen der Familie danken es.

Von Brigitte Judex-Wenzel

Erschienen in den Lübecker Nachrichten am 5.6.2010
(Online bereit gestellt auf
www.ln-online.de/regional/stormarn/2797234/Die_Kr%E4uterfee_und_ihre_wilde_Kost.htm)